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Coronavirus Informationen - Mittwoch, den 21 April 2021

"Krise kann Motor für Fortschritt und Entwicklung sein"

Wir verfolgen die Nachrichten, beobachten die Zahl der Toten und Neuinfizierten, den verzweifelten, heldenhaften Kampf der Gesundheitsmitarbeiter, das Elend über Impfungen, den Kampf zwischen den Geimpften und den Imfgegnern. In der Zwischenzeit kämpfen wir mit Einschränkung, mit der Angst vor dem Virus, dem Verlust unserer Freiheit, unserer Kontrolle und dem Mangel an vielen geliebten Menschen. Wir sind seit langer Zeit von Unsicherheit unterdrückt trotzdem pflegen wir jeden Tag die Hoffnung in uns, dass es besser und einfacher wird, denn „es wird einmal Frieden geben“. Darüber was uns dabei helfen kann, diese außerordentliche Periode voll mit verlustbringenden Erfahrungen zu überleben und zu verarbeiten, sprachen wir mit Professor Dr. Tamás Tényi, Prodekan für Allgemeines, studentische Fürsorge und internationale Beziehungen und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

 

von Rita Schweier

 

-Ich sage mir auch, und ich höre von vielen Menschen in meinem Alter, die in ihren Fünfzigern sind, dass dies noch nie in unserem Leben passiert ist, weil wir im Gegensatz zu unseren Großeltern keinen Weltkrieg oder historische Tragödien erlebt haben. Diese Pandemie mit ihrem Drama und Schwierigkeiten hat uns alle als eine kalte Dusche getroffen. Wir hören über berühmte Menschen, deren Bücher wir lesen, Musik hören, dass sie sterben. Obwohl das bedrückende Gefühl mit der Entwicklung von Impfstoffen langsam weggeht, sind die dramatischen Zahlen und die Geschichten dahinter bis heute bedrohlich. Allerdings denke ich, dass viele von uns sich damit noch nicht konfrontiert haben und konfrontieren, dass wir uns in Lebensgefahr befinden und diese Erkenntnis wird noch nicht bewusst.

Es ist eine Art „Schwellenstresszustand“, den jeder versucht hat und versucht, auf seine eigene Weise zu verarbeiten. Die zwei Extreme dabei waren die anfängliche Panik, die Überdimensionierung und die Bagatellisierung der Pandemie. Parallel dazu hat sich unser ganzes Leben verändert. Wir lächeln uns in einer Maske an - obwohl dies die geringste Sorge ist - wir sind eingesperrt worden und können uns nicht auf viele Aktivitäten einlassen, die Teile unseres Lebens waren. Eine Quarantäne - im Fall eines positiven Tests - ist auch mit einer ernsthaften psychischen Belastung verbunden. Impfungen sind Lichtblick in dieser dramatischen Situation.

-Wie kann man diese unruhige, hektische Lebenssituation mit gesundem Menschenverstand ohne Übertreibung überleben, dh Normalität in der Unmöglichkeit finden?

-Im Notstand ist ein Realitätsgefühl erforderlich. Man muss wissen, dass es Gefahren gibt, und man muss in der Lage sein, entsprechend zu handeln. Es ist nicht ratsam, den ganzen Tag die Nachrichten zu lesen, von Tagesschau zu Tagesschau zu wandern, sondern es ist wichtig, auf andere Bereiche zu achten, etwas anderes zu lesen, Musik zu hören und über andere Themen zu sprechen. Diese Bewältigungsmechanismen und Sublimationstechniken können dazu beitragen, dass wir nicht von überwältigender, katastrophaler Beklemmung überwältigt werden.

Es ist schwer, klug zu sein, wie dies verwirklicht werden kann, da jeder seine eigene Lösung hat, aber wir können uns gegenseitig helfen. Mit einer empathischen Zuwendung kann ein wohltuendes Gespräch die andere Person aus der Angst heben, wenn sie übermäßig verunsichert ist. Andererseits kann man denjenigen einfach bewusst machen, der sich um die Geschehen um sich herum gar nicht kümmert, was in der Person auf der anderen Seite geschieht. Ja, wir müssen wissen, dass dies eine dramatische Situation ist, wir haben noch nicht in einem Zustand einer unmittelbaren Bedrohung gelebt. Als Psychiater halte ich es für wichtig, negative Emotionen zu verringern, auszusprechen, um unser geistiges Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

-In der Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit der Gegenwart und der Zukunft ist es allerdings schwierig Stütze zu finden, selbst wenn die Impfung Hoffnung bietet.

-Es ist zweifellos, dass es ungewiss ist, wie die Zukunft aussehen wird, aber wir müssen uns bemühen, an unserer modernen Weltanschauung festzuhalten und auf die moderne Medizin zu vertrauen. Um helfen zu können, erzähle ich eine persönliche Geschichte: Vor einem Jahr hatte ich aufgrund eines unglücklichen Unfalls einen Wirbelbruch erlitten und wurde operiert. Mit viel Schmerz, zehn Nägeln und zwei Stangen in der Taille lag ich zu Hause und war mir nicht sicher, ob ich meine früheren körperlichen Fähigkeiten wiedererlangen kann, ob ich überhaupt genesen werde und inwiefern müsste ich mit permanenten Schmerzen weiterleben.

Ich könnte mir nichts Besseres vorstellen, als über die neurologischen Erkrankungen von Frida Kahlo zu schreiben, die ihr ganzes Leben lang nach ihrem Straßenbahn-Unfall mit ihren Wirbelsäulenproblemen zu kämpfen hatte. In dieser medizinischen Studie habe ich meine Ängste sublimiert und ich bedankte mich bei Dr. Attila Schwarcz einem hervorragenden Neurochirurgen, der mich endlich in Ordnung gebracht hatte, und sprach meine Dankbarkeit auch der modernen Medizin.

Meine Botschaft lautet: Hoffnung sollte niemals aufgegeben werden. Die Entwicklung der Wissenschaft ist raketenartig, und darauf können wir vertrauen. Wir müssen auf jeden Fall aufpassen, dass wir nicht in depressive Hoffnungslosigkeit geraten. Dies wird durch das Bewusstsein unterstützt, dass wir nicht allein sind, sondern wir können durch effektive Kommunikation Seite an Seite stehen. Es ist auch wichtig, dass wir demütig unser Schicksal, unsere Schwierigkeiten, die gegeben werden, akzeptieren können. Wir leben nicht in einem Hollywood-Film, selbst wenn wir diese Filme lieben.

-Auch die menschlichen Beziehungen konnten sich in dem letzten mehr als einem Jahr verändern, vertiefen, verstärken ebenso wie die Solidarität.

-Dies ist sehr wichtig, da die Krise nicht nur eine Krise und Hoffnungslosigkeit bedeutet, sondern kann auch der Motor für Fortschritt und Entwicklung sein. Der Entwicklungspsychologe Erik H. Erikson hat acht verschiedene Phasen identifiziert, die eine Person mit einem gesunden Entwicklungsprozess vom Säuglingsalter bis zum späten Alter durchläuft. In der Jugend kämpfen wir mit der Frage, wer wir sind, in unseren Zwanzigern damit, ob wir fähig sind eine intime und dauerhafte Beziehung zu haben, und in unseren Sechzigern damit, ob wir akzeptieren können, dass wir früher oder später sterben werden. Neben der Annahme und Bearbeitung dieser Identitätskrisen hat das Abklingen der von Gerald Caplan beschriebenen „traumatischen” Krisen häufig einen progressiven Charakter. Dies sind Krisen, die zufällig aufgrund externer, provokativer Faktoren auftreten, einschließlich solcher, die durch eine Pandemie verursacht wurden und die Persönlichkeit unerwartet, plötzlich und schicksalhaft treffen. Friedrich Nietzsche in seiner Aussage "Was mich nicht umbringt, macht mich stärker." betonte auch den selbstverstärkenden Aspekt der Krise.

In unserer gegenwärtigen Situation wird die Kommunikation untereinander immer wichtiger. Wir dürfen uns damit nicht zufriedengeben, wann wir nur über oberflächliche Dinge sprechen, wenn wir hören, dass einer unserer Bekannten gestorben ist. Wir können darüber nachdenken, warum wir leben, welche Aufgaben wir haben, wir können über unser Leben eine Inventur zusammenstellen. Eine Krisensituation kann also viele Tiefen offenbaren, von denen wir profitieren, die uns stärken können, und wenn wir dies bewusst sind, ist es einfacher, das Kreuz, das diese Pandemie bedeutet, zu tragen.

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